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Meine Verbindung zum Zellertal reicht allerdings weiter zurück als meine Arbeit als Winzer dort. Das Weingut meiner Eltern lag damals schon in Hohen-Sülzen, dort, wo Battenfeld Spanier bis heute zu Hause ist. Von hier aus ist es nur ein Katzensprung hinüber ins Zellertal. Schon als Junge nahm mich mein Großvater regelmäßig mit dorthin.

Ich erinnere mich an die offenen Hügel, an den Wind und an diese hellen, kargen, von Fels und Kalk geprägten Böden. Vieles davon konnte ich damals natürlich noch nicht einordnen. Aber die Landschaft hat mich früh beschäftigt. Rund um Wachenheim standen einige erstaunlich große und stattliche Gutshöfe. Für mich waren sie ein Hinweis darauf, dass hier einmal Weine erzeugt worden sein mussten, die weit über das Tal hinaus gefragt waren. Solche Höfe entstanden schließlich nicht ohne Grund.

Dieser Gedanke ließ mich nicht los, denn in diesem Tal musste etwas verborgen sein, das im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten war.

Darum möchte ich in den kommenden Monaten vom Zellertal erzählen. Nicht als vollständige Chronik und auch nicht mit dem Anspruch, die einzig gültige Geschichte dieses Ortes zu kennen. Es ist meine persönliche Sicht auf das Tal. Geprägt von meinen Erinnerungen, meinen Erfahrungen und von mehr als 30 Jahren Arbeit in seinen Weinbergen. Ich möchte euch mitnehmen auf diesen, meinen Weg. Zu den Lagen, den Böden und den Menschen, aber auch zu den Fragen, Umwegen und Erkenntnissen, die meinen Blick auf Wein verändert haben.

H. O. Spanier in den Weinbergen des Zellertals

Viele kennen heute den Frauenberg, den Zellerweg am Schwarzen Herrgott, den Kreuzberg, den Auf dem Kalkofen oder unseren C.O. aus der Parzelle Steinlinden. Doch hinter diesen Namen liegt eine längere Geschichte. Sie handelt von Kalk, Wind und Kühle, von einzelnen Parzellen und von der Geduld, die es braucht, bis ein Weinberg wirklich zu sprechen beginnt.

Die Geschichte meiner eigenen Arbeit im Zellertal begann 1994.

Meine ersten 3.000 Quadratmeter

Bis dahin bewirtschaftete ich keine einzige Lage im Zellertal. Meine erste Parzelle war ein 3.000 Quadratmeter großes Stück Riesling im Frauenberg.

Die Reben waren in einem guten Zustand. Was mich jedoch vom ersten Moment an besonders beschäftigte, war der Boden. Der Kalk war überall. Sichtbar, spürbar und prägend. Dazu kamen die Kühle, das klare Licht und der Wind, der fast ständig durch die Reben zog. Das Zellertal hatte für mich von Anfang an einen ganz eigenen Charakter. Es war offener und rauer als der Wonnegau. Im Westen erhob sich der Donnersberg, davor lagen die sanften Hügel des Tals. Über allem war diese Weite. Viel Luft, viel Licht und unter den Füßen immer wieder heller, karger Kalk.

Ich hatte damals noch keine fertige Vorstellung davon, wie ein Riesling aus dem Frauenberg einmal schmecken sollte. Auch mein eigener Weinstil war zu dieser Zeit ein anderer als heute. Aber ich spürte, dass dieser Ort eine besondere Spannung besaß. Der Frauenberg war für mich deshalb weniger die Antwort auf eine fertige Idee als vielmehr der Anfang einer Frage:

Was steckt in diesem Boden und wie präzise kann es gelingen, genau das später im Wein wiederzufinden?

Schon früh war ich überzeugt, dass das Zellertal eine große Zukunft haben könnte.

Heller Kalkstein am Fuß einer Rebe im Zellertal

Eine Überzeugung, die Zeit brauchte

Mit dieser Einschätzung war ich damals nicht allein, aber sie wurde auch längst nicht von allen geteilt. Einige Winzerkollegen beobachteten neugierig, was ich dort versuchte. Andere begegneten meiner Begeisterung zurückhaltender.

Das war durchaus nachvollziehbar. Mitte der Neunzigerjahre hatte das Zellertal seinen heutigen Stellenwert noch nicht wiedererlangt. Gerade viele ältere Winzer hatten die Region unter schwierigeren wirtschaftlichen Bedingungen erlebt. Sie wussten aus eigener Erfahrung, dass Kühle, Wind und eine späte Reife nicht nur reizvoll sein konnten, sondern immer auch ein Risiko bedeuteten.

Was ich als besondere Chance sah, betrachteten andere deshalb mit größerer Vorsicht. Vermutlich erschien manches, was ich vorhatte, damals ausgesprochen optimistisch – vor allem meine frühen biologischen und späteren biodynamischen Ansätze. Doch ich war schon damals überzeugt: Ohne Ökologie gibt es keinen modernen Weinbau. Und ohne modernen Weinbau keinen großen deutschen Wein der Zukunft.

Für mich war diese Zurückhaltung ein Grund, noch genauer hinzusehen. Ich wollte verstehen, warum sich die Landschaft hier so anders anfühlte als rund um Hohen-Sülzen. Warum die Rieslinge eine eigene Spannung entwickelten. Und weshalb die Verbindung aus Kalk, Kühle und Wind einen Charakter hervorbringen konnte, den ich an keinem anderen Ort genauso fand.

Mit den Jahren wurde auch meine Vorstellung davon klarer, wie ich diese Herkunft im Keller begleiten wollte: mit weniger Eingriffen, mehr Zeit und dem Vertrauen darauf, dass nicht der Winzer lauter sein sollte als der Ort.

Für mich stellte sich zunehmend die entscheidende Frage, wie viel Zellertal in der Flasche erhalten bleiben kann.

2001: Der Wein beginnt zu erzählen

Der Frauenberg brauchte Zeit und ich ebenso. Im Jahr 2001 hatte ich zum ersten Mal das deutliche Gefühl, dass der Wein begann, genau das zu zeigen, wonach ich gesucht hatte. Er wurde präziser, straffer und kühler in seiner Art. Die Frucht verschwand nicht, aber sie drängte sich nicht mehr in den Vordergrund. Stattdessen wurden der Kalk, die Struktur und die Spannung des Ortes deutlicher.

Das war für mich ein besonderer Moment. Zum ersten Mal fand ich im Glas etwas von dem wieder, was mich Jahre zuvor im Weinberg angezogen hatte. Es war keine plötzliche Offenbarung. Eher das leise, aber sehr klare Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.

Diese Erfahrung hat meinen Blick auf das Zellertal geprägt und sie hat mich als Winzer verändert. Aus den ersten 3.000 Quadratmetern wurden im Laufe der Jahre weitere Parzellen und Lagen. Der Frauenberg, der Zellerweg am Schwarzen Herrgott, der Kreuzberg, der Auf dem Kalkofen und die Parzelle Steinlinden, aus der unser C.O. stammt.

Jeder dieser Orte besitzt seinen eigenen Charakter. Zusammen erzählen sie für mich die Geschichte eines Tals, das lange unterschätzt wurde und dessen Möglichkeiten sich erst nach und nach wieder gezeigt haben.

Zellertaler Denkmal über den Weinbergen

Karg, kühl und voller Licht

Wenn ich das Zellertal heute mit wenigen Worten beschreiben sollte, wären es diese: karg, kühl und die pure Präzision des Minerals.

Dazu kommen der Donnersberg, der Wind und die sanften Hügel. Sie prägen das Zellertal und gehören längst auch zu meinem Leben. Seit mehr als 30 Jahren arbeite ich hier in den Weinbergen. Kein Jahrgang gleicht dem anderen, jeder verlangt eigene Entscheidungen. In dieser Reihe möchte ich von meinem Weg erzählen. Von meinen Anfängen im Zellertal und davon, wie das Tal, die Weinberge und die Menschen meine Arbeit und mich geprägt haben.

In fünf Newslettern möchte ich euch alle zwei Monate mitnehmen auf meine Reise durch das Zellertal. Im nächsten Teil geht es tiefer hinein in die Landschaft und die Geschichte des Tals. Danach widmen wir uns den einzelnen Lagen, ihren Böden und den Weinen, die aus ihnen hervorgegangen sind.

Die kommenden vier Stationen dieser Reise:

  • Der Donnersberg und die neue Logik des Rieslings
  • Der Schwarze Herrgott und die willkürliche Grenze
  • Kreuzberg – eine Lage kehrt zurück
  • Warum Zellertal heute Zukunft ist

Es ist meine persönliche Geschichte mit diesem Ort. So, wie ich ihn erlebt habe und wie er meinen Weg geprägt hat.

Meine Arbeit im Zellertal begann 1994 mit 3.000 Quadratmetern Riesling im Frauenberg. Meine Verbindung zu diesem Tal aber ist älter. Sie begann auf den Fahrten mit meinem Großvater, mit hellen Steinen unter den Füßen und mit der frühen Ahnung, dass in dieser kargen Landschaft etwas Besonderes verborgen liegt.

Bis heute bin ich dabei, es zu entdecken.

Euer


H.O. Spanier